Wie Defekte Magnete noch effizienter machen können
Neue Publikation aus dem SFB HoMMage in „Nature Communications“
27.01.2026 von Skokov/dor/mih/Bischler
Seltenerdmagnete sind für Hochleistungs-Elektromotoren in Fahrzeugen, Drohnen und Zügen unverzichtbar und bilden das Rückgrat einer modernen, umweltfreundlichen Mobilität. Es handelt sich dabei nicht um einfache Metallblöcke, sondern um sorgfältig konzipierte Materialien mit einer komplexen inneren Nanostruktur, die aus winzigen Bausteinen, sogenannten Phasen, besteht. Jede Phase besitzt ihre eigene Kristallstruktur, Chemie und physikalische Beschaffenheit. Stärke und Stabilität der Magnete werden letztlich dadurch bestimmt, wie sich die Magnetisierung an den Grenzflächen dieser winzigen Bausteine verhält und dort entmagnetisierenden Kräften widersteht. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Effizienz und Zuverlässigkeit der Elektromotoren.
Mit der Kombination fortschrittlicher magnetischer Messungen, verschiedener Mikroskopieverfahren und mikromagnetischer Simulationen untersuchten die Forschenden einen leistungsstarken Samarium-Kobalt-Magneten, Sm₂(Co,Fe,Cu,Zr)₁₇, der für seine hervorragende thermische und chemische Stabilität bekannt ist. Moderne Bildgebungsverfahren machten einzelne Atome sichtbar und konnten zeigen, dass Magnete mit hoher und mittlerer Leistung zwar strukturell ähnlich aussehen können, sich jedoch im Nanobereich in ihrer chemischen Zusammensetzung stark unterscheiden.
Nanostruktur entscheidet: Was an Grenzflächen im Magneten passiert
Eine zentrale Entdeckung war, dass die stärksten Magnete an der Grenze einer kritischen inneren Phase eine ultradünne, kupferreiche Schicht – nur ein bis zwei Atome dick – aufweisen. Diese atomare Struktur wirkt wie eine effektive Verankerungsbarriere, unterdrückt die Entmagnetisierung und ermöglicht so einen zuverlässigen Betrieb unter extremen Bedingungen.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis betrifft die sogenannte Korngrenze, die in einem Kristall Bereiche mit unterschiedlicher Ausrichtung, aber ansonsten gleicher Kristallstruktur voneinander trennt. Sie galt lange Zeit als Schwachstelle für den Beginn der Entmagnetisierung. Nun stellten die Forschenden des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Sonderforschungsbereich/Transregio 270 – Hysterese-Design Magnetischer Materialien für effiziente Energieumwandlung (HoMMage) jedoch fest, dass Korngrenzen die Magnetleistung nicht wesentlich beeinträchtigen, sondern das eigentliche Potenzial für Leistungssteigerungen in den kristallinen Teilen selbst liegt. Magnete werden demnach stärker und stabiler, wenn ihre innere Nanostruktur auf atomarer Ebene sorgfältig optimiert wird. Selbst kleinste Veränderungen im Aufbau und in der Verteilung können hier die magnetischen Eigenschaften des gesamten Materials signifikant verbessern.
Beim Vergleich der Laborbeobachtungen mit mikromagnetischen Computermodellen erkannten die Forschenden sogenannte „ideale Defekte”, die für den stabilsten und stärksten Zustand des Magneten verantwortlich sind. Diese theoretischen Erkenntnisse helfen zu erklären, warum einige Bereiche des Magneten eine bessere Leistung erbringen als andere und liefern wertvolle Anhaltspunkte für die Entwicklung noch stärkerer und effizienterer Magnete in der Zukunft, sodass langwierige und kostspielige „Trial-and-Error“-Versuche nicht mehr erforderlich sind.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Hochschulen und Industrie als Erfolgsfaktor
Die Studie unterstreicht, wie wichtig die Kombination komplementärer Expertise aus verschiedenen Institutionen und Disziplinen war, um ein umfassendes Verständnis davon zu erlangen, wie Magnete ihre Eigenschaften aus dem Zusammenspiel von Struktur und Zusammensetzung bis hin zur atomaren Ebene beziehen. Diese Arbeit ist das Ergebnis einer engen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Industrie. Beteiligt sind das Institut für Materialwissenschaft (TU Darmstadt), das Max-Planck-Institut für nachhaltige Materialien (Düsseldorf), das Ernst-Ruska-Zentrum für Mikroskopie und Spektroskopie mit Elektronen (Forschungszentrum Jülich) die School of Physics and Astronomy (Universität Glasgow), die VACUUMSCHMELZE GmbH & Co. KG (Hanau) sowie die Fakultät für Physik und Zentrum für Nanointegration (CENIDE, Universität Duisburg-Essen). Das veröffentlichte Manuskript ist gleichzeitig eine Zusammenfassung eines Pilotprojekts, das im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 270 durchgeführt wurde.
Die Veröffentlichung
S. Giron, N. Polin, E. Adabifiroozjaei, Y. Yang, A. Kovács, T. P. Almeida, D. Ohmer, K. Üstüner, A. Saxena, M. Katter, F. Maccari, I. A. Radulov, C. Freysoldt, R. E. Dunin-Borkowski, M. Farle, K. Durst, H. Zhang, L. Alff, K. Ollefs, B.-X. Xu, O. Gutfleisch, L. Molina-Luna, B. Gault, K. P. Skokov: „Identifying grain boundary and intragranular pinning centres in Sm2(Co,Fe,Cu,Zr)17 permanent magnets to guide performance optimisation“. In: „Nature Communications“ 16, 11335 (2025).
Der SFB HoMMage
Der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sonderforschungsbereich/Transregio (SFB/TRR) 270 „Hysterese-Design magnetischer Materialien für effiziente Energieumwandlung (HoMMage)“ umfasst Forscher der Technischen Universität Darmstadt, der Universität Duisburg-Essen, der Bergischen Universität Wuppertal, des Max-Planck-Instituts für nachhaltige Materialien und des Ernst-Ruska-Zentrums für Mikroskopie und Spektroskopie mit Elektronen (ER-C) am Forschungszentrum Jülich. Ihr gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer magnetischer Materialien für effiziente Energietechnologien. Dazu ist es erforderlich, ein detailliertes Verständnis der strukturellen, magnetischen und elektronischen Wechselwirkungen innerhalb des Materials zu erlangen, um die lokalen und globalen Eigenschaften durch neu zu entwickelnde Verarbeitungstechniken wie additive Fertigung und Verfahren zur starken plastischen Verformung anzupassen.